Ist die Rückkehr ins Büro wirklich nur eine organisatorische Entscheidung?
Immer mehr Unternehmen verschärfen ihre Vorgaben zur Rückkehr ins Büro.
Offiziell geht es dabei um bessere Zusammenarbeit, mehr Innovation und eine stärkere Unternehmenskultur.
Das können gute Gründe sein.
Die wissenschaftliche Forschung zeigt jedoch, dass die Auswirkungen einer Präsenzpflicht im Büro deutlich komplexer sind, als häufig angenommen wird.
Was Studien über Return-to-Office zeigen
Eine Studie von Van Dijcke, Gunsilius und Wright (2024) untersuchte die Auswirkungen verpflichtender Return-to-Office-Regelungen bei Microsoft, Apple und SpaceX.
Das Ergebnis:
Nach der Einführung verpflichtender Büropräsenz sank die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit. Besonders häufig verließen erfahrene Mitarbeitende das Unternehmen.
Die Forschenden behaupten ausdrücklich nicht, dass Unternehmen auf diese Weise gezielt Personal abbauen möchten.
Sie zeigen jedoch, dass eine Präsenzpflicht im Büro genau diesen Effekt haben kann.
Dadurch entsteht eine spannende Fragestellung:
Verändern Unternehmen mit ihrer Arbeitsortpolitik bewusst oder unbewusst auch die Zusammensetzung ihrer Belegschaft?
Lassen sich die Ergebnisse auf Deutschland übertragen?
Für Deutschland gilt: Die Studienergebnisse lassen sich aufgrund von Kündigungsschutz, Mitbestimmung und tariflichen Regelungen nicht eins zu eins übertragen.
Dennoch lohnt sich die Diskussion.
Denn auch hier reagieren Beschäftigte unterschiedlich auf verpflichtende Büropräsenz.
Besonders betroffen sind häufig Menschen,
- mit langen Pendelwegen,
- mit Care-Verantwortung,
- oder mit guten Alternativen auf dem Arbeitsmarkt.
Damit wird deutlich:
Die Entscheidung über Homeoffice oder Büro betrifft nicht nur Arbeitsorganisation.
Sie ist gleichzeitig eine personalstrategische Entscheidung.
Führung entscheidet nicht nur rational
Eine zweite aktuelle Studie erweitert diese Perspektive.
Shandell, Elliott und Grant (2026) zeigen, dass Führungskräfte mit stärker ausgeprägten narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen Remote Work häufiger ablehnen. Die Autorinnen und Autoren vermuten, dass virtuelle Zusammenarbeit weniger Möglichkeiten bietet, Status und Macht unmittelbar zu erleben.
Auch hier gilt:
Nicht jede Führungskraft, die Präsenzarbeit bevorzugt, ist narzisstisch.
Für eine stärkere Büropräsenz gibt es zahlreiche nachvollziehbare und sachliche Gründe.
Die Studie macht jedoch deutlich, dass Führungsentscheidungen nicht ausschließlich auf organisatorischen Überlegungen beruhen.
Psychologische Faktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Passend dazu zeigt auch mein Beitrag „Warum fachlich brillante Führungskräfte scheitern“, wie stark Führungsentscheidungen von psychologischen Mechanismen beeinflusst werden.
Homeoffice oder Büro? Die eigentliche Frage lautet anders
Die Diskussion sollte deshalb nicht ausschließlich lauten:
Homeoffice oder Büro?
Viel wichtiger ist eine andere Frage:
Welches Problem soll die Präsenzpflicht im Büro eigentlich lösen – und welche unbeabsichtigten Folgen nimmt sie dabei in Kauf?
Gerade vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, Arbeitgeberattraktivität und Mitarbeiterbindung wird diese Frage für Unternehmen immer relevanter.
Auch mein Beitrag „Warum laufen Unternehmen die Frauen davon?“ zeigt, wie sehr Arbeitsbedingungen und Unternehmenskultur die Entscheidung beeinflussen können, ob Beschäftigte bleiben oder gehen.
Wirtschaftspsychologie hilft, solche Entwicklungen zu verstehen
Die Frage, wie Menschen auf Veränderungen reagieren, gehört zu den zentralen Themen der Wirtschaftspsychologie.
Genau deshalb beschäftigen wir uns an der Kempten Business School intensiv mit den psychologischen, organisatorischen und strategischen Auswirkungen moderner Arbeitsformen.
Wer verstehen möchte, wie Führung, Motivation und Organisationsentwicklung in einer sich wandelnden Arbeitswelt zusammenhängen, findet im berufsbegleitenden Studiengang Wirtschaftspsychologie fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse und praxisnahe Lösungsansätze.
Die Diskussion über Homeoffice und Büropräsenz ist komplex.
Sie lässt sich weder auf Produktivität noch auf Unternehmenskultur reduzieren.
Die Forschung zeigt vielmehr, dass eine Präsenzpflicht im Büro weitreichende Auswirkungen auf Mitarbeitende, Führung und Personalstrategie haben kann.
Deshalb sollten Unternehmen nicht nur fragen, wo gearbeitet wird.
Sondern vor allem, warum bestimmte Regelungen eingeführt werden – und welche Konsequenzen sie langfristig für die Organisation haben.
