Diesen Satz habe ich früh in meiner Karriere gehört.
Interessanterweise wurden Männer in meinem Umfeld mit ähnlicher Energie eher als leidenschaftlich, engagiert oder passioniert beschrieben.
Das hat mich natürlich beschäftigt. Und irgendwann habe ich verstanden: Es zählt im Berufsleben nicht nur, was ich sage und tue.
Es zählt auch, wie mein Verhalten interpretiert wird.
Und diese Interpretation ist nicht immer geschlechtsneutral.
Die Diskrepanz der Interpretation
Also habe ich etwas gelernt, das mich tatsächlich viel Kraft gekostet hat: Meine Emotionen sehr bewusst zu moderieren.
Gerade in schwierigen Meetings mit mehreren Personen kann man mir heute oft nur schwer ansehen, was ich gerade denke.
- Nicht, weil ich nichts fühle. Ganz im Gegenteil.
- Sondern weil ich gelernt habe, zwischen dem zu unterscheiden, was ich empfinde und was ich in diesem Moment zeigen möchte.
Das ist für mich kein Plädoyer dafür, dass Frauen emotionslos auftreten sollten. Und ich finde es auch nicht gut, dass wir dieselbe Emotionalität bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich bewerten.
Aber ich habe aufgehört, so zu tun, als würde dieser Bias nicht existieren.
Was die Forschung zu Geschlechterstereotypen zeigt
Die Forschung zeigt seit Jahren, dass Geschlechterstereotype beeinflussen können, wie wir Führungsverhalten und den Ausdruck von Emotionen beurteilen. Insbesondere Ärger und dominante Verhaltensweisen können bei Frauen andere soziale und professionelle Konsequenzen haben als bei Männern.
Mein Learning daraus ist deshalb vielleicht etwas unbequemer als „Sei einfach authentisch“:
Ich zeige nicht immer alles, was ich fühle. Ich entscheide bewusst, was in einer Situation hilfreich ist.
Das hat lange gedauert.
Selbststeuerung als professionelle Stärke
Heute empfinde ich es nicht mehr als Unterdrückung meiner Emotionen, sondern als Teil meiner professionellen Selbststeuerung.
- Meine Emotion ist da.
- Meine Haltung ist da.
- Meine Leidenschaft ist da.
Aber ich entscheide, wie viel davon der Raum bekommt.
Denn ich kann nicht vollständig kontrollieren, wie andere mich bewerten.
Ich kann aber sehr wohl beeinflussen, welchen Eindruck ich hinterlasse.
