Eine internationale Studie mit über 45.000 Teilnehmenden aus 53 Ländern kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Deutschland weist den höchsten durchschnittlichen Wert für Narzissmus auf.
Bevor wir daraus vorschnelle Schlüsse ziehen, lohnt sich ein genauer Blick. Die Forschung unterscheidet dabei zwei zentrale Strategien des grandiosen Narzissmus:
- Narzisstische Bewunderung (Admiration): Selbstbewusstes Auftreten, Charme, Ambition, Einzigartigkeitsstreben und der Wunsch, durch eigene Leistungen Anerkennung zu gewinnen.
- Narzisstische Rivalität (Rivalry): Abwertung anderer, ausgeprägtes Konkurrenzdenken, defensive Reaktionen auf Kritik und der Versuch, die eigene Überlegenheit durch die Schwächung anderer zu sichern.
Interessant ist: Deutschland liegt nicht nur insgesamt auf Platz 1, sondern insbesondere bei der narzisstischen Rivalität. Bei der Bewunderung liegen dagegen andere Länder wie Nigeria, Irak und China vorne.
Was heißt das für Narzissmus in der Führung?
Narzisstische Merkmale sind in Führungspositionen nicht automatisch problematisch.
Menschen mit einer stärker ausgeprägten Bewunderungsorientierung können:
- Überzeugend auftreten,
- Große Visionen formulieren,
- Risiken eingehen,
- Energie und Zuversicht ausstrahlen,
- Sich in Auswahl- und Beförderungssituationen sichtbar positionieren.
Das erklärt möglicherweise, warum narzisstisch geprägte Persönlichkeiten häufig als Führungspersönlichkeiten wahrgenommen werden.
Führungswirkung vs. langfristiger Erfolg
Doch hier liegt der entscheidende Unterschied:
Als Führungskraft wahrgenommen zu werden, ist nicht dasselbe wie langfristig wirksam zu führen.
Problematisch für den Narzissmus in der Führung wird es, wenn Bewunderung in Rivalität kippt. Dann entstehen typische Führungsrisiken:
- Kritik wird als persönlicher Angriff interpretiert.
- Erfolge werden der Führungskraft, Fehler dem Team zugerechnet.
- Sichtbarkeit und Loyalität zählen stärker als Kompetenz und Widerspruch.
- Leistungsstarke Mitarbeitende werden als Konkurrenz wahrgenommen.
- Entscheidungen dienen zunehmend dem eigenen Status.
- Psychologische Sicherheit und offene Kommunikation nehmen ab.
Demografische Muster und die entscheidende Frage für Führungskräfte
Die Studie zeigt außerdem: Jüngere Menschen, Männer und Personen mit höher wahrgenommenem sozialen Status berichten im Durchschnitt höhere Narzissmuswerte. Diese Zusammenhänge waren über viele Kulturen hinweg stabil.
Deshalb ist für mich nicht die Frage relevant:
„Wie selbstbewusst ist eine Führungskraft?“
Sondern:
„Kann sie ihren eigenen Erfolg von dem Erfolg ihres Teams entkoppeln?“
Denn gute Führung erkennt man nicht daran, wie hell eine Person selbst strahlt – sondern daran, wie viele andere durch sie wachsen.
