Auf der linken Seite befindet sich eine schwarze Fläche mit folgendem Zitat in großer, weißer Schrift: „Gender Pay Gap kennen wir!Was ist mit dem Gender Free-Work Gap?“Unten links steht in etwas kleinerer, weißer Schrift der Name Katrin Winkler. Die rechte Seite zeigt in einem abgerundeten, geschwungenen Ausschnitt ein Nahaufnahmen-Porträtfoto: Es zeigt Katrin Winkler von der Brust aufwärts. Sie blickt mit einem ruhigen, fokussierten und leicht lächelnden Ausdruck in die Kamera. Sie trägt ein elegantes, dunkles (dunkelblaues oder schwarzes) Oberteil mit Kragen sowie auffälligen Goldschmuck – darunter goldene Ohrringe in Form von Libellen und eine passende goldene Halskette. Der Hintergrund ist schlicht und in ruhigen, neutralen Tönen gehalten.

Gibt es eigentlich einen Gender Free-Work Gap?

Die Frage lässt mich seit meinem letzten Post über kostenlose Konzepte, Pitches und Keynotes nicht los:

Werden Frauen eigentlich häufiger gefragt, ob sie ihre Expertise kostenlos zur Verfügung stellen?

Also habe ich angefangen, nach Forschung dazu zu suchen. Für kostenlose Keynotes oder Pitch-Konzepte speziell habe ich keine belastbaren Zahlen gefunden. Aber ich bin auf Forschung gestoßen, die mich trotzdem nachdenklich macht.

Linda Babcock, Maria Recalde, Lise Vesterlund und Laurie Weingart haben untersucht, wer Aufgaben übernimmt, die zwar gemacht werden müssen, aber wenig Anerkennung oder Karrierewert bringen (low-promotability tasks).

Das Ergebnis der Forschung zum Gender Free-Work Gap

Das Ergebnis ist eindeutig:

  • Frauen melden sich häufiger freiwillig.
  • Frauen werden häufiger gefragt.
  • Und Frauen sagen häufiger Ja, wenn sie gefragt werden.

In einem der Experimente waren Frauen 50 % häufiger bereit, eine solche Aufgabe zu übernehmen.

Noch spannender: Männer und Frauen fragten eher eine Frau als einen Mann, ob sie die wenig attraktive Aufgabe übernehmen würde – der Unterschied lag bei 12 Prozentpunkten.

Warum wir eher Frauen nach unbezahlter Leistung fragen

Die Forschenden fanden Hinweise auf eine Erwartungshaltung: Man fragt eher die Person, von der man glaubt, dass sie Ja sagen wird.

Und genau da musste ich an die vielen Anfragen denken, die Selbständige, Speaker, Experten und Berater kennen:

  • „Könntest du uns vorab schon mal ein kleines Konzept machen?“
  • „Wir haben leider kein Speaker-Budget, aber es wäre eine tolle Sichtbarkeit.“
  • „Kannst du vielleicht kurz deine Ideen skizzieren?“
  • „Es sind ja nur 30 Minuten.“

Vielleicht sollten wir neben dem Gender Pay Gap auch über etwas anderes sprechen: den Gender Free-Work Gap.

Vom individuellen Verhalten zum strukturellen Muster

Ich möchte dabei sauber bleiben: Die Studie untersucht nicht, ob Frauen häufiger um kostenlose Keynotes oder kostenlose Beratungskonzepte gebeten werden. Aber sie zeigt einen Mechanismus, den ich bemerkenswert finde:

Wenn wir erwarten, dass Frauen eher Ja sagen, fragen wir Frauen auch häufiger. Und damit wird aus einer individuellen Entscheidung möglicherweise ein strukturelles Muster.

Denn kostenlose Arbeit ist nicht kostenlos:

  • Sie kostet Zeit.
  • Sie kostet Kapazität.
  • Und für Selbständige kostet sie unmittelbar Geld.

Offene Fragen an Selbständige, Beraterinnen und Expertinnen

Deshalb würde mich wirklich interessieren:

Beobachten Frauen, die als Selbständige, Beraterinnen, Expertinnen oder Speakerinnen arbeiten, dieses Muster auch? Werdet ihr häufiger nach „nur mal kurz“, kostenlosen Konzepten, unbezahlten Panels oder Keynotes für „Sichtbarkeit“ gefragt?

Und die vielleicht noch spannendere Frage:

Sagen wir zu oft Ja, weil andere längst gelernt haben, dass sie uns fragen können?

Quelle

Babcock, L., Recalde, M. P., Vesterlund, L. & Weingart, L. (2017). Gender Differences in Accepting and Receiving Requests for Tasks with Low Promotability. American Economic Review, 107(3), 714–747.