Eine Emotion, über die kaum jemand spricht
Kaum jemand spricht gerne darüber. Und doch begegnet er uns beinahe täglich, auch im beruflichen Kontext.
Nicht offen.
Nicht laut.
Sondern zwischen den Zeilen.
Wenn Kolleginnen und Kollegen befördert werden. Wenn jemand für ein Projekt besonders gelobt wird. Wenn Führungskräfte Aufmerksamkeit erhalten. Oder wenn scheinbar immer dieselben Menschen die spannendsten Aufgaben übernehmen.
Auf einem alten Haus bin ich vor Kurzem auf einen Spruch gestoßen, der genau dieses Thema aufgreift. Ich musste sofort an die Arbeitswelt denken.
Denn obwohl dieser Satz vermutlich Jahrhunderte alt ist, beschreibt er eine Emotion, die die Psychologie bis heute als universell betrachtet.
Warum Neid ein zutiefst menschliches Gefühl ist
Aus psychologischer Sicht ist Neid zunächst einmal nichts Schlechtes.
Die Evolutionspsychologie geht davon aus, dass soziale Vergleiche für unsere Vorfahren überlebenswichtig waren. Wer hatte mehr Status? Mehr Einfluss? Mehr Ressourcen?
Diese Vergleiche gehören bis heute zu unserem psychologischen Grundinventar (Smith & Kim, 2007).
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir Neid empfinden.
Sondern:
Was machen wir daraus?
Die zwei Gesichter des Neids
Die Forschung unterscheidet zwischen gutartigem und bösartigem Neid.
Gutartiger Neid
Gutartiger Neid könnte sich beispielsweise so anhören:
„Beeindruckend, wie sie diese Präsentation gehalten hat. Das möchte ich auch lernen.“
Das Gefühl bleibt unangenehm. Gleichzeitig wird es zu einem Motor für Entwicklung.
Menschen bilden sich weiter, holen sich Feedback und wachsen an den Erfolgen anderer.
Bösartiger Neid
Bösartiger Neid klingt dagegen häufig anders:
„Der hatte einfach nur Glück.“
Oder:
„Mal sehen, wie lange das gutgeht.“
Hier richtet sich die Aufmerksamkeit nicht auf die eigene Entwicklung, sondern auf die andere Person.
Studien zeigen, dass diese Form des Neids häufiger mit Misstrauen, Informationszurückhaltung und sozialem Untergraben verbunden ist (Duffy et al., 2012).
Warum Unternehmen der perfekte Nährboden für Neid sind
Gerade Unternehmen schaffen ideale Bedingungen für soziale Vergleiche.
- Wer wird befördert?
- Wer verdient mehr?
- Wer bekommt die interessantesten Projekte?
- Wer steht auf der Bühne?
- Wer erhält Anerkennung?
Deshalb ist Neid am Arbeitsplatz nicht nur eine individuelle Emotion.
Er ist auch ein Führungs- und Kulturthema.
Passend dazu zeigt unser Beitrag über offene Kommunikation und psychologische Sicherheit, wie wichtig ein Umfeld ist, in dem Menschen sich entwickeln können, ohne sich permanent miteinander vergleichen zu müssen.
Was Führungskräfte tun können
Führungskräfte haben einen erheblichen Einfluss darauf, ob aus sozialen Vergleichen Motivation oder Missgunst entsteht.
Hilfreich sind beispielsweise:
- transparente Entscheidungen,
- faire Anerkennung von Leistungen,
- sichtbare Entwicklungsmöglichkeiten,
- und eine Kultur, die Zusammenarbeit stärker belohnt als interne Konkurrenz.
Auch unser Beitrag „Warum laufen euch die Frauen davon?“ zeigt, welche Auswirkungen fehlende Anerkennung und mangelnde Entwicklungsperspektiven auf Mitarbeitende haben können.
Was jeder Einzelne tun kann
Auch unabhängig von der Führung können wir lernen, bewusster mit unseren eigenen Vergleichen umzugehen.
Hilfreiche Fragen sind:
- Warum beschäftigt mich der Erfolg anderer?
- Was kann ich daraus lernen?
- Wo möchte ich mich selbst weiterentwickeln?
- Vergleiche ich meinen Fortschritt mit dem Weg anderer?
Vielleicht liegt genau darin die größte Chance:
Erfolge anderer nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Informationsquelle.
Neid wird uns vermutlich nie vollständig verlassen
Er gehört zum Menschsein dazu.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir Neid empfinden.
Sondern ob daraus Inspiration oder Zerstörung entsteht.
Vielleicht ist genau das die Botschaft des alten Hausspruchs:
Wir können nicht immer kontrollieren, was wir fühlen.
Aber wir können beeinflussen, was wir daraus machen.
